Schubser von außen: Gedanken zu meinem 57. Geburtstag

Holztische in der Mitte, Stühle im Kreis darum, auf jedem Tisch eine aufgeschlagene Bibel. Im Gemeindehaus in Heubach sitzen an diesem Abend fast nur ältere Leute – und wir drei Jungs. Fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahre alt, völlig nervös vor dem, was kommen wird. Wir sollen eine Bibelstunde halten. Für Erwachsene, die dreimal so alt sind wie wir.

Heute, an meinem Geburtstag, denke ich darüber nach, wie ich zu der Person geworden bin, die ich bin. Das kann keine erschöpfende Übersicht sein – ich will mich auf jene Menschen konzentrieren, die mir heute durch den Kopf gehen und besonders am Herzen liegen: Menschen, die mir geholfen haben, meine Berufung in der Kommunikation zu finden. Ein anderes Mal wird die Liste einen anderen Schwerpunkt haben und mit anderen Personen bestückt sein.

Wie alles begann: Eine Strafarbeit mit Folgen

Zuerst nenne ich meinen Vater. Von ihm habe ich schon im letzten Blogpost berichtet, wie seine und meine Berufung eng miteinander verknüpft sind. Interessant ist aber, wie er meine Fähigkeit, zu kommunizieren, schon sehr früh entdeckt hat.

Der Auslöser war vielleicht eine Strafarbeit, die ich in der Realschule schreiben musste. Irgendetwas hatte ich verbrochen, und die Lehrerin verdonnerte mich dazu, einen Aufsatz zu schreiben. Schon zeigte sich darin meine unverwechselbare Mischung aus Kreativität, schwarzem Humor und Widerspenstigkeit. Der Aufsatz trug den Titel „Liebe im Krematorium“ und handelte von einem Kremator, der sich mit seiner Geliebten heimlich zum Schäferstündchen in einem Raum voller Leichen trifft. Interessanterweise fand die Lehrerin das äußerst lustig und schickte mich im Auftrag der Schülerzeitung in ein Bestattungsinstitut, um dort mit dem Inhaber ein Interview über seine Arbeit zu führen.

Mein Vater meldete mich daraufhin, ohne mich groß zu fragen, zu einem Volkshochschulkurs über Pressearbeit an. Mit vielleicht fünfzehn Jahren saß ich also unter lauter Erwachsenen und lernte das Handwerk des Schreibens. Kurz darauf erschienen meine ersten Beiträge in der lokalen Rems-Zeitung.

Im Nachhinein finde ich es sehr erstaunlich, wie mein Leben schon in der Teenagerzeit vom kreativen Schreiben geprägt war. Ich bin dankbar für die Förderung, die ich bekam.

Der Mut, uns etwas zuzutrauen

Eine weitere Sache, die meinem Vater wichtig war, war geistliches Wachstum – nicht nur von mir, sondern auch von anderen jungen Leuten. Aber wie macht man das? Eines Tages lud er mich und zwei weitere junge Männer aus dem Jugendkreis ein, eine Bibelstunde im nahegelegenen Heubach zu halten – und wir nahmen die Herausforderung an.

Und da sind wir wieder: im Gemeindehaus, an den Holztischen, mit unseren aufgeschlagenen Bibeln vor uns. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den Bibeltext oder das Thema erinnern. Aber ich erinnere mich daran, dass die Besucher sehr davon angetan waren, uns 15- bis 17-Jährige zu erleben. Im Nachhinein denke ich: ganz schön mutig von ihm, uns so etwas zuzutrauen.

Einige Zeit später, ich war wahrscheinlich 16 oder 17 Jahre alt, meldete er mich zu einem Predigttraining der Apis an. Regelmäßig wurden solche Fortbildungen für Laienmitarbeiter durchgeführt. Auch hier war ich wieder der jüngste Teilnehmer und durfte am Ende der Schulung vor versammelter Mannschaft eine kurze Andacht halten. Der damalige Apis-Vorsitzende Otto Schaude war davon so angetan, dass er mich all die Jahre begleitete – als ich mein Studium am Theologischen Seminar St. Chrischona begann, schickte er mir dorthin einen persönlichen Brief.

Auch hier finde ich es spannend, wie wenig ich mich damals mit einer „geistlichen Tätigkeit“ in Verbindung brachte. Diese Schubser von außen aber brachten mich in kleinen Trippelschritten in Richtung meiner Berufung, durch die ich heute Missionar in Kambodscha sein darf.

Eine kurze Reflexion

Wenn ich heute zurückblicke, wird mir eines klar: Keiner dieser Menschen – mein Vater, die Lehrerin, Otto Schaude – konnte damals wissen, was aus diesen kleinen Trippelschritten einmal werden würde. Und wenn ich das heute niederschreibe, möchte ich bewusst nicht davon schreiben, welche Menschen ich selbst geprägt habe. Es ist nicht wichtig, was ich denke, wen ich geprägt habe – diejenigen, die geprägt wurden, müssen dies selbst für sich erkennen, wenn und falls es so ist.

Damit möchte ich auch dem Druck etwas entgegensetzen, der gerade in Missionskreisen oft spürbar ist: andere zu „prägen“, zu multiplizieren, Jüngerschaft messbar zu machen. Ich glaube, dass Prägung meistens leiser geschieht, unbewusster, vielleicht “zufälliger”, als wir denken.

Die 20er-Jahre: Zeit für Menschen

Nun reisen wir in meine 20er-Jahre. Als für meine Frau Marlen und mich feststand, dass wir nach Ostasien berufen sind, wurden Wolfgang und Christa Schröder als damalige OMF-Missionsleiter zu wichtigen Ansprechpartnern.

Was ich bei ihnen am meisten lernte, war nicht in Worten gefasst, sondern in Zeit: Wann immer wir nach Mücke kamen, ließen sie alles stehen und liegen, nur um für uns Zeit zu haben. Bei Kaffee und Kuchen tauschten wir uns aus, erst danach ging es um wichtige Absprachen in Bezug auf unsere Bewerbung.

Durch ihren Fokus auf Menschen blieb viel Arbeit im Büro liegen. Wir merkten das, wenn wir E-Mails bekamen, die samstagnachts um elf Uhr abgesendet worden waren. (Leider habe ich das selbst nie gelernt – für mich geht noch immer die Arbeit vor, weniger der Mensch.)

Auch später konnten wir viel von ihnen lernen. Eine Szene ist mir bis heute besonders im Gedächtnis: Als wir mit unseren beiden kleinen Töchtern zum Heimataufenthalt zurückkehrten, verschwand Wolfgang erst einmal mit den Mädchen im Garten, bevor überhaupt ein Rückkehrgespräch stattfand. Seine Begründung ist mir bis heute im Ohr: „Wenn sich die Kinder bei OMF wohlfühlen, wird das auch die Arbeit der Eltern fördern und erleichtern.“

Investition ohne Garantie

Hans Walter Ritter mit seiner Frau Sabine kamen für uns ins Spiel, als Marlen und ich als Junior-Pastoren unsere ersten Schritte in Marburg taten. Bei Jugendmissionswochenenden beteten wir gemeinsam um Frucht und Berufungen – „Mehr Challenge!“ war der Slogan, der immer wieder fiel. Diese Balance gefällt mir: darauf vertrauen, dass Gott an den Teilnehmern wirkt, und gleichzeitig alles tun, dass sie verstehen, wie sie an seinem Plan aktiv beteiligt sein können.

Ein tolles Ehepaar, bis heute: Hans Walter Ritter mit Sabine

Als Hans Walter später Missionsleiter wurde, schickte er mich – ohne dass ich es mir hätte träumen lassen – auf eine Schulung über Ehrenamtsarbeit in die USA. Es war eine Investition in mich – eine von vielen, die noch kommen sollten. Nicht nur lernte ich die Prinzipien für Ehrenamtsarbeit von der Pike auf kennen, sondern ich durfte auch wichtige Schlüsselpersonen im OMF-Büro in Littleton, Denver, kennenlernen.

Später platzierte er mich als Vertreter für Europa und Kanada im International Media Council von OMF. Jedes Jahr trafen wir uns für fast eine Woche in Singapur, und diese Sitzungen konnte ich mit Besuchen bei Kollegen in verschiedenen Ländern verbinden und meinen Horizont erweitern.

Bis auf die Chinesische Mauer: Besuch im Reich der Mitte

Das Beste: Durch diese Sitzungen wuchs meine internationale Vernetzung mit anderen Kommunikationskollegen. Der Verlagsleiter von den Philippinen, der Haudegen aus Korea, der Stratege aus den USA: Bis zum heutigen Tag sind diese Beziehungen Teil meines Netzwerks. Sie trugen meine bisherige Arbeit, und sind auch jetzt in meiner neuen Rolle wichtig, denn ab November darf ich hier in Kambodscha den Bereich Kommunikation neu aufbauen, neue Mitarbeitende suchen und einbinden.

Was am Ende bleibt

Menschen, die mich geprägt haben. Was ich bin, bin ich nicht durch mich allein, auch wenn ich mir natürlich durch Theorie und Praxis viel Wissen angeeignet habe. Um wirklich zu wachsen, braucht es nicht nur einen Chatbot, der einem gegenübersitzt, einen Podcast oder ein Video-Tutorial, sondern Menschen, die etwas wagen, die ein Risiko eingehen, von dem sie selbst nicht wissen, wie es ausgeht.

Dass ich solche Menschen hatte, dafür bin ich dankbar. Besonders heute an meinem Geburtstag.

Vielleicht magst du dir kurz die Frage stellen: Welche Menschen haben dich geprägt, ohne dass sie es damals ahnten?

Mein Gebet ist, dass wir alle – du und ich – zu Menschen werden, die andere fördern, die einfach handeln, ohne das Ergebnis zu kennen. Und das ich beim Aufbau meines neuen Teams nicht nur darauf schaue, was bereits da ist, sondern, was geweckt werden will. Ohne Garantie auf Erfolg – aber mit ganz viel Hoffnung.

4 thoughts on “Schubser von außen: Gedanken zu meinem 57. Geburtstag”

  1. Deine Geschichte bewegt mich. Auch ich finde, dass wir das Prägen und Multiplizieren nicht machen können. Das kommt von allein (Gott) wenn wir unseren Platz gefunden haben und ihn ausfüllen, ihn mit Leben füllen.

    Ich habe mich schwer seit Jahren diesen Platz zu finden. Es kommt viel zusammen was es schwer macht.

    Ja, und ich glaube, dass die meisten Menschen, die etwas in unserem Leben ins Rollen gebracht haben, davon nichts wissen. Aber sie sind bestimmt ganz dankbar, unsere Entwicklung zu sehen und auch für eine Rückmeldung und es darf auch in solch einem Zeugnis sein.

    Danke, dass Du uns daran teilnehmen lassen hast.

    Gottes Segen und Führung auch weiterhin, besonders auch in Deiner neuen Aufgabe.

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