Gottes langer Atem: Ein Bibelvers, der mich, meinen Vater und meine Töchter verbindet

Es gibt Momente, in denen ein einzelner Satz aus der Bibel mein Herz plötzlich besonders berührt. Für mich sind das zwei Verse, die sich wie ein roter Faden durch drei Generationen meiner Familie ziehen: Jesaja 57 und Epheser 2. Jedes Mal, wenn einer der beiden Texte in der Herrnhuter Losung auftaucht, halte ich den Atem an. Ich staune: diese Verse erzählen nicht nur von Gottes Plan für sein Volk – sie erzählen auch meine eigene Geschichte.

Zwei Verse, ein Versprechen

„Ich will Frucht der Lippen schaffen: Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.“

Jesaja 57,19

In Jesaja 57 verspricht Gott seinem Volk nach einer Zeit des Gerichts etwas Neues: Heilung, Trost, Orientierung. Die Strafe ist aufgehoben, eine Zeit des Friedens beginnt. Jesaja darf ausrufen: „Friede, Friede denen in der Ferne und in der Nähe: Ich will sie heilen!“

Was Jesaja ankündigt, wird in Epheser 2 Wirklichkeit. Christus hat den Frieden nicht nur verkündigt – er hat ihn geschaffen, indem er Heiden (die „Fernen“) und Juden (die „Nahen“) in seinem Leib mit Gott und miteinander versöhnt hat. Egal, wie „nah“ oder „fern“ jemand ist: Er darf wissen, dass er Frieden mit Gott haben kann.

Wie mein Vater seine Berufung fand

Für meinen Vater war Jesaja 57 im Jahr 1955 das Wort, das ihn in seine Berufung als Pastor rief. Gott sprach dem damaligen Schreiner einen neuen Auftrag zu: Frieden zu verkündigen – in Deutschland, „in der Nähe“. Er lebte diesen Auftrag ein Leben lang treu aus.

Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.

Epheser 2,17

Eine eigene, unabhängige Berufung

Meine eigene Berufung mit 19 Jahren hatte damit zunächst gar nichts zu tun. Sie war völlig unabhängig von der meines Vaters entstanden. Ehrlich gesagt: Mein Vater war zu Beginn sogar eher skeptisch, weil ich mit 19 Jahren noch nicht besonders reif wirkte für einen solchen Schritt.

Das war keine unbegründete Sorge. Aber meine Berufung wuchs, klärte sich, bewährte sich in den folgenden Jahren.

Als sich die Puzzleteile zusammenfügten

Eines Tages stand Kambodscha als Einsatzland fest. Mein Vater begann, die Zusammenhänge zu erkennen und legte die Puzzleteile zusammen: sein eigener Berufungsvers – und mein Weg, der denselben biblischen Kern trug.

Ihm wurde klar: In Jesaja 57 war mehr enthalten gewesen als nur seine eigene Berufung. Sein Auftrag war es gewesen, „in der Nähe“ Frieden zu verkündigen. Mein Auftrag war es, „in der Ferne“ Frieden zu verkündigen. Als Gott ihn damals berief, hatte er uns beide im Blick.

Vater und Sohn: eine Berufung, zwei Aufträge

Darüber kann ich bis heute nicht aufhören zu staunen. Schon 15 Jahre vor meiner Geburt hatte Gott mich mitgedacht – meinen Charakter, meine Begabung, meine Berufung. Deshalb ist dieser Vers auch für mich zu „meinem“ Berufungsvers geworden, auch wenn Gott ihn mir nie direkt persönlich zugesprochen hat.

Wie sieht Friedensverkündigung konkret aus?

Was bedeutet das ganz praktisch? In unserem ersten Dienstabschnitt von 2000 bis 2009 ging es um Gemeindebau auf dem Land.

Frieden verkündigten wir in der Sonntagsschule, wo Kinder verstanden, wie sehr Gott sie liebt und dass er ihre Gebete tatsächlich hört.

Frieden verkündigten wir in unserem Wohnzimmer, wo sich unsere buddhistischen Nachbarn nach einem Tag harter Arbeit im Kreis auf dem Boden versammelten, um gemeinsam in der Bibel zu lesen. Im Laufe des Abends spürte man, wie Hoffnung, Freude und Friede langsam die Herzen erfüllten. Faszinierend, die Gesichter zu betrachten: sorgenvoll bei der Ankunft, fröhlich beim Abschied. Diese Wirkung war für mich einer der eindrücklichsten Beweise dafür, dass der Friede Gottes kein theologisches Konzept ist, sondern konkret, spürbar und auf den Gesichtern sichtbar wird.

Heute dürfen Marlen und ich Missionare unterstützen, die in ganz Kambodscha Frieden verkündigen. Durch unseren Dienst im Hintergrund halten wir ihnen dafür den Rücken frei.

Weitergedacht: meine Töchter

Wenn Gott über Generationen hinweg denkt und beruft – was bedeutet das für meine Töchter? Jede von ihnen ist bereits mitten drin, den Frieden Gottes an ihrem Platz auszurufen, auf ganz unterschiedliche Weise.

E. arbeitet im therapeutischen Bereich. Sie geht dort individuell auf Menschen ein und verknüpft Körper, Seele und Geist miteinander, statt sie getrennt zu behandeln.

B. verschenkt ihr Herz an Familien mit kleinen Kindern (und an die Kinder selbst), sie engagiert sich ehrenamtlich an vielen Stellen und zeigt durch ihr Leben, wie abenteuerlich ein Leben mit Gott sein kann.

J. arbeitet in einem Umfeld, in dem eigentlich das Geld regiert, und doch führt sie mit Kolleginnen und Kollegen tiefe Gespräche über Leben und Glauben und bringt eine spirituelle Komponente in diese Welt hinein.

Ich bin unglaublich stolz darauf, wie sie ihren Glauben leben und für viele Menschen ein Segen sind. Und doch stehen sie erst ganz am Anfang ihrer Wege. Wer weiß, mit welchem Dienst Gott sie in Zukunft noch beauftragen wird?

Gottes längerer Atem

Wenn es dir manchmal so geht wie mir – dass dein Dienst für Gott, dein Einfluss, deine Frucht nicht genug erscheint – dann bedenke: Vielleicht bist gar nicht du es, der in erster Linie „große Dinge“ für Gott tun soll. Vielleicht sind es deine Kinder oder deine Enkel.

Wir sind nicht das Ende der Fahnenstange, sondern nur ein Glied in einer langen Kette von Menschen, mit denen Gott sein Reich auf dieser Welt baut. Wie erleichternd, dass Gott einen längeren Atem hat als wir.

Zum Nachdenken: Wo in deiner eigenen Familie könnten die Puzzleteile schon längst zusammengefügt sein – auch wenn du es noch nicht siehst? Ich würde mich freuen, wenn du das für einen Moment in ein Gebet fasst: “Danke, Gott, dass du weiter denkst als ich. Baue dein Reich durch mich – und durch alle, die zu mir gehören.”

10 thoughts on “Gottes langer Atem: Ein Bibelvers, der mich, meinen Vater und meine Töchter verbindet”

  1. Hannelore Stein

    Hallo Joachim,
    Danke für deine tiefen Eindrücke und Gedanken.
    Sehr ermutigend zu lesen.

    Ich habe auch schon mal gedacht, dass die Führungen über Generationen gehen. Mir ist kein Bibelvers bewusst, aber ich sehe die Segensspuren, die meine Vorfahren gelegt haben und weitergehen.
    Herzliche Grüße
    Hannelore

    1. Es wird schon immer wieder berichtet, dass Gott seinen Segen auf Kinder und Kindeskinder legt, wenn man ihm folgt und gehorcht. Dieses Privileg beobachte ich bei uns – aber in aller Demut. Ich habe so viele Freunde, die ihren Glauben vorbildlich leben, aber bei ihren Kindern kommt nichts davon an. Zumindest noch nicht – denn ich bin davon überzeugt, dass Gott auch mit ihnen einen langen Atem hat.

  2. Ruth Herminjard

    Hallo Joachim,
    Dieser Text gab mir jetzt die ganze Zeit Gänsehaut!!
    Fand ich jetzt echt berührend und gewaltig wie Gott über Generationen einem roten Faden zieht und sein Wort Wahrheit lassen wird übt diese ganze Zeit! Echt stark

  3. Über Hudson Taylor gibt es einen Bericht, dass über 7 Generationen Missionare waren.
    Bei mir scheint es das Gegenteil zu sein: meine Frau und ich sind die einzigen: weder vor uns noch unser Sohn wollten Christen sein.

    1. Ja, das ist eine echte Spannung, und Trauer, wenn diejenigen, die man am liebsten hat und die einem am nächsten stehen, den Glauben nicht teilen wollen.

  4. Lieber Joachim,
    Dein Bericht hat mich sehr berührt und spricht aus meinem Herzen. Wir haben einen Gott, der sich zu den Generationen stellt. Er selbst stellt sich hinein in die Generationentafel im Matthäus und Lukas Evangelium. Die Bibel ist voll von Berufungen durch Generationen. Jemand hat mal gesagt: „Gott ist ein Gott der Generationen und nicht der Denominationen!“ Er ist der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs….etc.
    Gott segne euch!

  5. Gabriele Scherer

    Lieber Joachim ,
    deine Mitteilung berührt mein Herz. Es sind wie Bilder, Brot der Liebe Gottes, welche die Wahrheit malen und Mut machen, wie Hebr. 11 sagt, das dass, was wir noch nicht sehen, doch existiert.
    Das bezieht sich nicht nur auf diesen Beitrag, sondern auf andere Spuren, die du mit deiner Familie legst. Inmitten aller Herausforderungen und sicher auch Nöten, all die Jahre, sind sie sichtbar. Gott ist Liebe, auch wenn alles fällt. Ein Zuspruch für euch.
    Gott segne Dich und deine Familie.
    Liebe Grüße, Gaby

    1. Liebe Gaby, vielen Dank für deine Rückmeldung. Ja, der Bezug auf Hebräer 11 ist wichtig: auch das, was wir noch nicht sehen, existiert. Wir wollen gemeinsam am Glauben festhalten und darauf vertrauen, dass Gott uns hält uns an sein Ziel bringt, mitsamt unseren Lieben.
      Viele Grüße ins Saarland,
      Joachim

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