(Kontext: Mai 2010. In der Stille meines Dienstes in Kambodscha stieß ich auf die Worte der berühmten Indien-Missionarin Amy Carmichael. Ihr Text ist keine leichte Kost; er ist ein radikaler Weckruf, der mich damals zutiefst erschütterte. Er spiegelt die brennende Dringlichkeit wider, die viele Missionare empfinden, wenn sie die geistliche Not der Welt sehen – und gleichzeitig die Gefahr, dass wir uns in der christlichen Gemeinschaft zu sehr mit uns selbst beschäftigen.)
Amy Carmichaels Traum (Übersetzung): „Ich konnte nicht schlafen. So lag ich wach und sah – so schien es mir – dies: Ich stand auf einer grünen Wiese, und direkt vor meinen Füßen brach ein Abgrund steil in den unendlichen Raum ab. Ich wich zurück, schwindelig angesichts der Tiefe. Dann sah ich Menschen im Gänsemarsch über das Gras ziehen. Sie steuerten direkt auf den Rand zu. Da war eine Frau mit einem Baby auf dem Arm und einem kleinen Kind, das sich an ihr Kleid klammerte. Sie war bereits am äußersten Rand. Da sah ich, dass sie blind war. Sie hob den Fuß für den nächsten Schritt – und trat ins Leere. Oh, dieser Schrei, als sie fielen!
Dann sah ich weitere Scharen von Menschen aus allen Richtungen. Sie waren blind, stockblind; alle hielten direkt auf die Kante des Abgrunds zu. Es gab Schreie, als sie plötzlich merkten, dass sie fielen, und ein Umherschlagen hilfloser Arme, die nach leerer Luft griffen. Ich sah, dass entlang des Abgrunds in Abständen Wachen aufgestellt waren. Doch die Abstände waren viel zu groß; es gab weite, unbewachte Lücken. Durch diese Lücken fielen die Menschen in ihrer Blindheit, völlig ungewarnt, und der Abgrund gähnte wie der Schlund der Hölle.
Dann sah ich, wie ein kleines Bild des Friedens, eine Gruppe von Menschen unter Bäumen, mit dem Rücken zum Abgrund. Sie flochten Gänseblümchen-Ketten. Da war noch eine Gruppe: Sie bestand aus Leuten, deren größter Wunsch es war, mehr Wachen zu bekommen; aber sie stellten fest, dass nur sehr wenige gehen wollten. Einmal stand ein Mädchen allein an ihrem Platz und winkte die Leute zurück; aber ihre Mutter und andere Verwandte riefen sie und erinnerten sie daran, dass ihr Urlaub fällig sei. Da sie müde war und eine Abwechslung brauchte, musste sie gehen und sich eine Weile ausruhen. Doch niemand wurde gesandt, um ihre Lücke zu bewachen, und immer wieder fielen die Menschen hinunter, wie ein Wasserfall aus Seelen.
Einmal erwischte ein Kind ein Grasbüschel, das direkt am Rand des Abgrunds wuchs; es klammerte sich krampfhaft fest und rief, aber niemand schien es zu hören. Dann gaben die Graswurzeln nach, und mit einem Schrei stürzte das Kind ab. Das Mädchen, das sich danach sehnte, wieder in der Lücke zu stehen, glaubte, das Kleine schreien zu hören; sie sprang auf und wollte gehen, woraufhin man sie tadelte. Dann sangen sie ein Kirchenlied. Doch durch das Lied hindurch erklang der Schmerz von einer Million gebrochener Herzen – ein einziges Schluchzen. Es war der ‚Schrei des Blutes‘.“
Wenn ich zu dem Gottlosen sage: „Du, Gottloser, sollst des Todes sterben!“ und du sagst es ihm nicht, um ihn vor seinem gottlosen Wege zu warnen, so wird der Gottlose um seiner Missetat willen sterben; aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. (Hesekiel 33,8)
