Ehrerbietung statt Entfremdung: „Eltern ehren“ im buddhistischen Kontext

Seit einer Woche sind wir wieder in Kambodscha. Vieles fühlt sich vertraut an, und doch lernen wir das Land gerade wieder ganz neu kennen. Heute waren wir zum zweiten Mal im Gottesdienst. Was wir dort erlebten, hat uns tief beeindruckt.

Der Gottesdienst startet mit Liedern

Es war ein Tag, an dem die Eltern besonders geehrt wurden. Das ist hier mehr als eine nette Geste; es ist ein notwendiges Zeichen der Liebe und Versöhnung, besonders gegenüber Eltern, die keine Christen sind. Warum? Im Buddhismus ist das familiäre Gefüge untrennbar mit der Ahnenverehrung verbunden. Wenn Kinder Christen werden, fürchten die buddhistischen Eltern den Verlust ihrer Tradition und Identität. Sie sehen im Christentum eine Gefahr, die ihre Kinder aus den überlieferten Traditionen herausbricht.

Besonders greifbar wird dies in der Angst vor dem Bruch mit den Vorfahren. Es geht hier nicht nur um ein abstraktes religiöses Konzept, sondern um die reale, praktisch erfahrbare Angst vor dem Zorn der Geister. Wer den Ahnen nicht mehr opfert, stört das „geistliche Gleichgewicht“ und bringt Unheil über die Familie. Westliches Denken stößt hier oft an seine Grenzen, doch für kambodschanische Familien ist diese Sorge existentiell.

Manche Eltern haben dabei ein hartes Bibelwort im Hinterkopf. An einer Stelle sagt Jesus: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern… der kann nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14,26). Dieses Zitat wird oft als Bestätigung dafür gesehen, dass der christliche Glaube Familien zerstört. Es übertönt die vielen Stellen im Alten und Neuen Testament, in denen ausdrücklich dazu aufgerufen wird, Vater und Mutter zu ehren (z.B. 2. Mose 20,12, Epheser 6,2).

Doch wie reagieren die Christen hierauf? Sie ziehen sich nicht zurück, sondern suchen nach Wegen, Brücken zu bauen.

In der Predigt ging es um den zwölfjährigen Jesus, der seine Eltern zum ersten Mal zum Passafest nach Jerusalem begleitet. Nach dem Fest bleibt er in der Stadt zurück, ohne dass seine Eltern es sofort bemerken. Als sie ihn nach dreitägiger, angstvoller Suche endlich im Tempel finden, erklärt er ihnen, er müsse „im Haus seines Vaters sein“ (Lukas 2,41-51).

Das war ein Moment, der die Eltern herausforderte. Doch Jesus verabschiedet sich nicht von ihnen. Im Gegenteil: er kehrt gemeinsam mit ihnen nach Hause zurück „und war ihnen gehorsam“ (Vers 51).

Jesus zeigt uns hier ein kraftvolles Vorbild: Er ordnet sein Leben zwar Gott unter, aber er bleibt seiner Familie und dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren, treu.

Auf diese Predigt folgte der Moment, der uns tief bewegte. Die Kinder holten Schüsseln mit Wasser. Die Eltern setzten sich, und die jungen Christen wuschen ihnen die Füße. Ein wunderbares Symbol, das Liebe und Demut ausdrückt. In einer Gesellschaft, in der Christen eine kleine Minderheit sind, schaffen sie hier eine neue, starke Tradition. Sie zeigen: Wir ehren unsere Eltern gerade deshalb, weil wir Christus nachfolgen. Wir wollen die Familie nicht schwächen, sondern sie durch unsere Liebe stärken. Wir warten damit nicht, bis sie gestorben sind, sondern tun dies hier und jetzt.

Eine wunderschöne Geste: „Mutter, ich liebe und ehre dich!“

Es ist ermutigend zu sehen, wie sie Vorurteile aktiv abbauen. Sie demonstrieren, dass der christliche Glaube nicht bedeutet, die eigene Identität zu verachten. Stattdessen wird die Ehrerbietung gegenüber den Eltern zu einem christlichen Bekenntnis.

Wir sind dankbar, dass wir diese Neuanfänge beobachten dürfen. Ist es nicht wunderbar zu sehen, wie der Glaube hier Wege findet, die zutiefst heilsam und versöhnend wirken – mitten im Leben, in der Familie, als Kernzelle der Gesellschaft.

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