30 Tage Kambodscha – Zwischen Gekko, Glasfaser und Gottes Timing

Heute Morgen saß ich mit meinem Tagebuch am Schreibtisch – übrigens einem höhenverstellbaren, dazu später mehr – und trug ein:

„Vor genau einem Monat haben wir Deutschland verlassen.“

Nur 30 Tage. Vier Wochen. Wir sind nicht mehr im Modus „Wir bereiten uns vor“, sondern mitten im neuen Leben. Es fühlt sich so an, als hätten wir in dieser Zeit mehr erlebt und verarbeitet als in manchen ganzen Quartalen in Deutschland.

Dieser erste Monat war eine einzige große Umstellung. Die Zeit war so voll. Deshalb möchte ich innehalten und euch an meinen Gefühlen teilhaben lassen.

Malaysia: Zwischenstopp mit Trauerschleier

Wir begannen unsere Asienzeit in Malaysia. Über das Drama mit unserem Gepäck – das in Frankfurt einfach nicht ins Flugzeug geladen wurde und uns erst spät nachts ins Hotel nachgeliefert wurde – haben wir ja schon berichtet. Im Nachhinein: ein Segen. Die Fahrt vom Flughafen nach Melaka war entspannter ohne Kistenchaos.

Malaysia sollte uns helfen, anzukommen. Uns an die neue Zeit, das Klima, das Umfeld gewöhnen. Loslassen, was wir zurückgelassen haben. Zu uns selber kommen, nach dem Pack- und Abschiedsstress.

Besonders schön war, dass wir ein paar Tage mit John und Ruth Samuel aus Singapur verbringen konnten. John begleitet Joachim, z.T. auch Marlen seit einigen Jahren als Coach (per Zoom). Es war schön, sich endlich wieder in Person zu sehen, gemeinsam zu essen, zu erzählen, auszuruhen.

John & Ruth Samuel, Singapur.
John & Ruth Samuel aus Singapur begleiten Joachim und Marlen schon längere Zeit als Coach.

Aber diese Tage hatten auch eine Kehrseite. Besonders bei Marlen zog sich ein Grundgefühl durch die Tage: Trauer. Heimweh. Morgens war es am schlimmsten, aber es blieb den ganzen Tag. Die Kinder sind nicht mehr da. Jesus im Gehorsam nachzufolgen, hat seinen Preis.

Ankunft: Vertraute Gesichter in surrealer Kulisse

Am 23. Mai flogen wir nach Kambodscha. Ein unglaubliches Gefühl. Das ist Realität. Endlich haben die Planungen der vergangenen Monate ihr Ziel erreicht!

Fahrt vom Flughafen zu OMF im vollbesetzten Auto mit Familie Schmidt
Gut, wenn man erwartet wird. Die ganze Familie Schmidt hat uns vom Flughafen abgeholt.

Familie Schmidt und Christiane Gerhards holten uns am Flughafen ab. Menschen, für die wir in den letzten Jahren in Deutschland Fürsprecher waren – in ihren sendenden Gemeinden, bei Vorträgen, durch Publikationen. Und jetzt sind sie nicht mehr Partner in der Ferne, sondern wir sind Kollegen im selben Team, im selben Land.

Es war ein irrer Mix aus Gefühlen. Zum einen: Endlich! Die ganzen letzten Monate hatten wir nur davon geredet, wann es losgeht, wann wir ankommen. Jetzt waren wir tatsächlich da. Zum anderen: fast surreal. Dieses Gefühl, wirklich vor Ort zu sein, nicht nur davon zu träumen.

Und dann ging es los. Kein Check-in. Keine Eingewöhnungsphase. Sondern: Wohnungssuche. Sofort.

Wohnungssuche im Turbomodus

In den ersten fünf Tagen schauten wir uns fünf bis sechs Wohnungen an. Zwischendurch: Begegnungen mit OMF-Kolleginnen und Kollegen, einheimisches Essen, erste Gespräche. Und dann, nach nur fünf Tagen: Entscheidung getroffen.

Eine Woche später zogen wir ein.

Was uns besonders geholfen hat: In der ersten Woche fand in der OMF Zentrale eine Leitungssitzung statt. Dadurch konnten wir alle Personen des Leitungskreises treffen. Das hat geholfen, sofort wichtige Beziehungen zu knüpfen. Und durch die gemeinsame Zeit bei den Mahlzeiten waren wir ganz schnell nicht mehr die „Neuen”, sondern Teil des Teams.

Die Sprache: Vertraut und doch verschüttet

Natürlich haben wir auch die ersten Schritte in der Sprache gemacht. Khmer. Eine Sprache, die wir vor Jahren flüssig beherrschten – und die jetzt langsam, Schicht für Schicht, wieder ausgegraben werden muss.

Besonders verrückt waren die ersten Stunden. Ich (Joachim) wusste: Ich kenne diese Worte. Ich weiß, was sie bedeuten. Aber gleichzeitig: Ich wusste es nicht. Die Worte waren vertraut. Ich konnte sie sogar noch schreiben. Aber die Bedeutung? Verschüttet.

Je länger wir lesen, je mehr wir hören, desto mehr kommt zurück. Und das Tolle: Ich kann immer noch schreiben. Die Schrift sieht zwar aus wie von einem Erstklässler, aber sie funktioniert.

Schreibheft von Joachim mit Khmer-Aufsatz
Noch nicht besonders schön, aber ein Anfang!

Bei Marlen ist es umgekehrt: Das Reden kommt zurück. Sie ist die ganze Zeit unterwegs, trifft Leute, knüpft Kontakte. Zur Vermieterin, zur Schneiderin in der Nachbarschaft, zu Verkäufern auf dem Markt, zum Brotverkäufer.

Marlen mit Kolleginnen bei Durian-Party
Menschen sind wichtig – Kambodschaner oder OMF Kollegen aus aller Welt. Hier bei einer Durian-Party am frühen Morgen vor der OMF Zentrale in Phnom Penh.

Es ist wie immer: Wir sind total gegensätzlich. Gerade dadurch ergänzen wir uns gut.

Alltag zwischen Hitze und Vertrautheit

Natürlich ist es heiß. Täglich stehen wir dreimal unter der Dusche. Klamotten wechseln wir zweimal am Tag. Allein durchs Sitzen sind wir durchgeschwitzt.

Zum Glück geht es nicht nur uns so. Sogar langjährige Missionare und die Kambodschaner sagen: „Wow, das ist wirklich extrem heiß gerade.“ Das beruhigt ein wenig. Aber es macht uns auch müde. Abends um neun liegen wir schon im Bett. Wenn wir versuchen, noch einen Film zu schauen, müssen wir uns zwingen, die Augen offen zu halten.

Dafür stehen wir schon um sechs Uhr morgens auf und werden aktiv. Die Motivation dahinter: die “kühleren” Stunden des Tages nutzen.

Trotz allem: Die Kultur ist uns nicht fremd. Egal, ob ein Gekko von der Decke fällt, ob Verkäufer einen Anhänger voller Schränke mit dem Motorrad durch die Straßen ziehen, ob am Markt frisch gekocht wird – der Verkehr, das Chaos, wir beachten es, aber es irritiert uns nicht. Es fühlt sich vertraut an.

Kleine Wunder im Großen

Eine wunderbare Überraschung waren: Möbel. Es fühlt sich so verrückt an. Vor zwei Monaten haben wir in Deutschland alles ausgeräumt, verkauft, verschenkt, eingelagert. Und jetzt besorgen wir alles aufs neue.

Möbel auf Pick-Up Transporter vor dem OMF Möbellager
Alles gut verschnürt – dann geht es los. Transport von OMF Möbeln zu unserer neuen Wohnung

Manches fanden wir im Möbellager von OMF – aber vieles dort ist uralt, zum Teil kaputt. Mein (Joachims) großer Wunsch: ein höhenverstellbarer Schreibtisch, der auch bezahlbar ist.

Ich hatte Angst, dass ich jetzt wieder in ein „Missionarsleben“ einsteige, in dem ich mich mit Möbeln aus dem letzten Jahrtausend abquäle. Aber der Schreibtisch ist mehr als Bequemlichkeit. Er hilft mir, meine Arbeit besser zu tun. In den letzten Jahren in Deutschland habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, die Haltung beim Arbeiten wechseln zu können.

Und dann: Ein Wunder. In einem Möbelgeschäft fanden wir genau das, was ich suchte. Einen höhenverstellbaren Schreibtisch (mit Kurbel, nicht elektrisch), einen bequemen Stuhl und einen verschließbaren, staubdichten Schrank für Bücher und Unterlagen. Kurz zuvor hatten wir in einem anderen Laden einen total wackeligen Tisch gesehen. Dieser hier: Stabil. Perfekt. Bezahlbar.

Es war ein Moment des Staunens. Gott hört unsere ganz persönlichen Wünsche – und er kümmert sich darum.

Internet-Techniker auf Pfosten mit verwirrenden Kabeln
Für uns ein Wunder: Der Internet-Techniker hat das richtige Kabel gefunden und in unsere Wohnung gezogen.

Und noch eine coole Sache: Gestern haben wir Glasfaser-Internet bekommen. Zwischen Bestellung und Installation: 48 Stunden. In Mücke, wo wir 17 Jahre in Deutschland wohnten, wartet man immer noch vergeblich darauf.

Was uns überrascht hat

Nach 30 Tagen können wir sagen:

Positiv überrascht: Wie schnell die Wohnungssuche lief. Wie schnell wir ins Team integriert wurden. Wie vertraut sich vieles anfühlt. Das ist nicht nur “Glück”. Das sind die Gebete bei den Aussendungen. Die Fürbitte von vielen Gebetspartnern in den letzten Wochen.

Schwerer als erwartet: Die Hitze. Nicht nur, dass es heiß ist – sondern wie müde es einen macht. Wie früh man ins Bett geht. Wie sehr der Körper arbeiten muss, nur um zu funktionieren.

Aber auch das gehört dazu. Mission ist kein Heldenfilm. Es ist echtes Leben. Mit Schweiß, Müdigkeit, Gekkos und Gebetserhörungen.

Ein Monat – und was bleibt?

Wenn ich zurückblicke, staune ich. Nach 30 Tagen fühlt sich vieles gut an. Dafür sind wir dankbar.

Wir wissen aber, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt. Wir wollen nicht nur sprachlich funktionieren, sondern kulturell daheim sein. Menschen nicht nur vom Grüßen kennen, sondern Beziehungen haben. Nicht nur Beobachter sein, sondern gestalten dürfen.

Das Gute ist: Wir sind auf dem Weg. Seit einem Monat. Und das nicht alleine, sondern gemeinsam mit euch, die ihr uns auf diesem Weg begleitet. Ihr seid Teil dieser Geschichte.

Gebetsanliegen:

  • Dass wir weiterhin gut in der Sprache vorankommen.
  • Dass die Hitze uns nicht dauerhaft ausbremst.
  • Dass wir die Balance finden zwischen Aktivität und Ruhe.
  • Dass Gott uns zeigt, wo er uns hier gebrauchen möchte.

P.S. – Während ich diesen Artikel schrieb…

Ich wollte diesen Text eigentlich schon vor dem Abendessen fertig haben. Wurde unterbrochen. Dann kamen wir vom Essen zurück, ich schloss die Haustür auf und wollte schnell nach oben eilen, um den Artikel endlich abzuschließen.

Da sprach uns eine Nachbarin an. Sie stellte uns ihre Tochter vor, die gerade von der Arbeit gekommen war. Ihre Kinder kennen wir schon – die Oma schaut tagsüber nach ihnen.

Marlen stand noch 20 Minuten unten, sprach mit der jungen Mutter, mit der Oma, mit anderen Leuten, die vorbeikamen.

Und ich dachte: Genau das hatten wir erbeten. Nicht in eine Gegend mit hohen Mauern zu ziehen, wo man abgeschottet lebt. Sondern in eine Nachbarschaft, wo man auf Tuchfühlung mit Menschen leben kann.

Gott hat es geschenkt. Und zwar nicht irgendwann – sondern genau in dem Moment, als ich hier oben saß und über „Gottes Timing“ schrieb.

Mission ist echtes Leben. Und manchmal unterbricht Gott das Schreiben, um uns daran zu erinnern.

8 Gedanken zu „30 Tage Kambodscha – Zwischen Gekko, Glasfaser und Gottes Timing“

  1. Vielen Dank ihr Lieben für diesen lebendigen Bericht, der uns so auch in eure Nachbarschaft rückt.
    Ich fahre jetzt nach Mücke zum m Get together ,bis morgen Mittag……und rechtzeitig vor Beginn könnte ich euren ersten Monat nachlesen…..
    DANKE 🙏💖💐

    1. Vielen Dank für die nette Rückmeldung liebe Sigrun.
      Ich wünsche dir eine gute Zeit beim Get-Together. Toll dass du dieses Mal etwas länger daran teilnehmen kannst.
      Liebe Grüße aus Kambodscha ❤️

  2. So bewegend diese Zeilen zu lesen! Intensiver können vier Wochen kaum sein! Und Siegrun habe ich in Flensungen getroffen! 😊 Einen kleinen Schock hatte ich beim Anblick des Kabelfotos! 😱 Aber offensichtlich funktioniert dieses Durcheinander besser als die deutsche ‚Ordnung‘. Euch ein gutes Wochenende!

  3. Vielen Dank für die lebendigen Worte, die so viele Bilder, Eindrücke und Gefühle transportieren… ich war jetzt kurz bei euch in Kambodscha… und das, wo ich im Zug von Carrick on Shannon nach Dublin sitze, um heute Nacht irgendwann in Köln anzukommen. GOTT SEGNE EUCH! Nicole

    1. Liebe Nicole, es freut mich, wenn dich die Schilderungen mit nach Kambodscha genommen haben. So war es gedacht 🙂
      Alles Gute für deine Reise! Hoffentlich hattest du eine schöne Zeit in Irland!
      Viele Grüße, Joachim

  4. Liebe Marlen, lieber Joachim,

    vielen Dank für den anschaulichen Bericht! Ich habe mir Eure Gebetsanliegen notiert. Der Herr sei mit Euch!

    Mit herzlichen Grüßen

    1. Lieber Werner,

      vielen Dank für deine Rückmeldung – und für deine Gebete. Es ist gut, mit dir verbunden zu sein. Du bist eine wichtige Stütze in unserem Dienst!!

      Gott segne dich,
      Joachim & Marlen

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