Unterwegs in Taiwan – Von riesigen Malls, Götzenschnitzern und echter Begegnung (Tagebuch Juni 2012)

Kontext: Im Juni 2012 unternahm ich eine eindrückliche Reise nach Taiwan, um die dortige Missionsarbeit hautnah zu erleben. Dieses Reisetagebuch gibt ungeschönte Einblicke in den harten Arbeitsalltag in asiatischen Megamalls und spannende kulturelle Begegnungen. Auch heute, über ein Jahrzehnt später, haben diese Beobachtungen über Glaube, Einsamkeit und Gesellschaft nichts von ihrer Relevanz verloren.

Mittwoch, 6. Juni 2012 – Flug nach Taiwan

Ich habe mir gerade eben mal angeschaut, wo ich morgen überhaupt hinfliege. Man verliert schnell den Überblick… Ich trete die Reise von Singapur aus an, wo ich als europäischer OMF-Vertreter an einem Treffen des International Media Council teilgenommen habe. Morgen werde ich selber vom Flughafen aus mit dem Bus nach Taiping fahren. Das dauert etwa 1,5 Stunden und soll sehr abenteuerlich sein, vor allem, weil man weder mit Deutsch, noch mit Englisch oder Khmer durchkommt. Ich wette, diese Reise wird mich neu das Beten lehren.

Donnerstag, 7. Juni 2012 – Reisetag und interkulturelle Schockmomente


Um 5:45 Uhr klingelt das Telefon auf dem kleinen Nachttisch in meinem Gästezimmer. Das Taxi ist da, um mich zum Budget-Terminal des Singapurer Flughafens zu bringen. Es ist noch kaum Verkehr auf der Straße, also bin ich viel zu früh da. Ich gebe mein Gepäck auf und nutze die Gelegenheit, um etwas zu frühstücken. Leider ist die mikrowellenerhitzte Nudelsuppe „Mee Thai“ nicht nach meinem Geschmack, vielleicht auch, weil es erst kurz vor sieben ist.

Um halb neun kann ich die karge Abflughalle verlassen und das Flugzeug besteigen. Der Flughafen von Singapur ist ja eigentlich weltbekannt für seinen unglaublichen Luxus, die kreative Einrichtung und heute sogar für seinen riesigen Indoor-Wasserfall. Im harten Gegensatz dazu erinnert das damalige Budget-Terminal eher an einen schlichten Busbahnhof. „Budget“ steht hier nicht nur für den günstigen Flugpreis, sondern auch für spärlichsten Service und Komfort – sehr unsingapurisch. Ich sitze erst neben einer Mutter und ihrer mongoloiden Tochter, dann bittet mich der Vater, doch den Platz mit ihm zu tauschen, was ich gerne tue. Ich hole Schlaf nach, denn wirklich tief habe ich letzte Nacht nicht geschlafen…

Nachdem auch mein Nachbar wieder erwacht ist, kommen wir ins Gespräch. Er ist Singapurer, spielte mehrere Jahre mit einer Band moderne chinesische Musik in Clubs. Jetzt ist er nach Taiwan gezogen und hat auf dem Musikmarkt Fuß gefasst. Er fragt mich über Deutschland aus. Eine Frage, die mir als Deutschem in Asien immer wieder gestellt wird, ist meine Meinung über Adolf Hitler. Anders als in Europa und dem Rest der Welt, wo er völlig zu Recht eine absolute Persona non grata ist, hat Hitler in Teilen Asiens merkwürdigerweise kein derartiges Tabu-Image. Mein Sitznachbar meint ernsthaft: Wäre Hitler erfolgreicher gewesen, würde man heute bestimmt besser über ihn reden.

Ich bin von dieser Aussage erst einmal zutiefst schockiert. Erst nach längerem Nachdenken kann ich es in das asiatische Denken einordnen: Erfolg ist dort oft die Nummer Eins, und wer erfolgreich ist, kann – in dieser extremen Denkweise – nicht völlig falsch gelegen haben. Es ist ein typisches Beispiel dafür, wie man auf Reisen mit interessanten Menschen und deren für uns unkonventionellen, mitunter verstörenden Ansichten konfrontiert wird.

Beim Nachdenken über „Erfolg“ kommt mir Psalm 10 in den Sinn: „Zu jeder Zeit glückt ihm (dem Gottlosen) sein Tun. […] Er sagt in seinem Herzen: »Ich werde niemals wanken. Es trifft mich kein Unglück.«“ Und auch der Gedanke von Paulus an die Thessalonicher, dass das Böse nicht bestehen kann, sondern sich letztlich selbst zerstört.

Nun sitze ich im Bus nach Taichung (Ja, ich habe die Haltestelle gefunden und ein Ticket erhalten!) auf einer gut ausgebauten 3-spurigen Autobahn. Viel grüne Büsche und Bäume am Straßenrand, immer wieder weite Felder, ab und zu Wohngegenden mit vielen Hochhäusern und natürlich jede Menge Fabrikhallen. Gleich komme ich an und werde hoffentlich von Beate Harr am Straßenrand gesehen, damit ich nicht zu weit fahre…

Freitag, 8. Juni 2012 – Zu Besuch beim Götzenschnitzer

Kerstin und Joachim auf dem Motorrad
Los gehts! Mit Kerstin ins Abenteuer.

Kerstin und ich schwingen uns aufs Motorrad. Sie möchte mir ihre Bekannten und Freunde vorstellen, und wir machen den ersten Stopp beim Götzenbild-Schnitzer in der Orchideenstraße. Als er 14 Jahre alt war, musste er die Schule verlassen und sein eigenes Geld verdienen. Er machte eine Ausbildung als Götzenschnitzer und ist nun ein Meister seiner Zunft. Aus dem ganzen Land kommen Aufträge für Holzstatuen: wunderschöne, extrem detailreiche, filigrane Figuren. Er macht nur Auftragsarbeiten und nimmt für jedes Stück etwa 60.000 Taiwanesische Dollar (ca. 1.500 Euro).

Joachim und Götzenschnitzer in Chiayi
Berufe, die es in Deutschland nicht gibt: Begegnung mit einem Götzenschnitzer

Jeder Götze hat ein anderes Gesicht. Ist ein Götze fast fertiggestellt, werden in ein Loch im Rücken verschiedene Gegenstände gesteckt: fünf Edelsteine der Insel, fünf Samen der Insel sowie Weihrauchasche aus einem Tempel. Dann wird das Loch verschlossen. Die Statue ist aber erst dann richtig fertig, wenn die Augen eingemalt werden und ein Geistlicher in einer Zeremonie bestimmte Beschwörungsworte über der Figur ausgesprochen hat. Ab dann ist sie nicht mehr nur ein edler Kunstgegenstand aus Holz, sondern ein mächtiges Objekt der Geister.

Götzenfiguren
Götzenfiguren, die noch in Arbeit sind

Das ganze Leben dieses freundlichen Mittfünfzigers spielt sich in seinen engen vier Wänden mit offenem Blick auf die Straße ab. Er hat nie frei und keine Familie. Es macht Spaß, mit ihm zu reden. Er zeigt uns einen Zeitungsausschnitt, in dem über ein besonderes Fest in der südlichen Hafenstadt Tainan berichtet wird. Dort wird ein wunderschönes, lackiertes, fahrtüchtiges und komplett ausgestattetes Holzboot gefertigt. Im Inneren befinden sich ein gefüllter Kühlschrank, ein Computer, ein Fernseher und alles, was man im Jenseits gebrauchen könnte. Bevor das ganze Boot am Ende einer mehrtägigen Zeremonie in Brand gesetzt wird, werden Hühner, Schafe und Ferkel hineingetrieben. Das Boot kostete umgerechnet über 250.000 Euro.

Ich frage den Götzenschnitzer, ob es ihm nicht leid täte, wenn seine wochenlange Arbeit einfach so verbrannt würde. Er verneint lächelnd. Nein, denn die Statue sei ja jetzt in der unsichtbaren Welt, wo sie gebraucht wird. Der freundliche Mann hat einen Platz in meinem Herzen gewonnen, und ich wünsche ihm nur, dass er den Gott kennenlernt, der nicht in Holzblöcken wohnt, sondern mit seinem Frieden in unser Herz ziehen will.

Sonntag, 10. Juni 2012 – Erfolg sieht manchmal anders aus

Heute bin ich mit Birgit Glaw unterwegs. Nach den ersten zwei Jahren Sprachstudium arbeitete sie zwei Jahre bei Elisabeth Weinmann mit. Mittlerweile gehört sie in Chiayi zur kleinen Stadt dazu. Die Vision des Teams ist die Gründung von Hausgemeinden. Leider gibt es noch keine einzige funktionierende Hausgemeinde unter der Arbeiterschicht. Es kamen zwar schon viele Leute zum Glauben, aber die meisten zogen dann um („Taiwanesen sind immer auf Wanderschaft“) oder gehen jetzt in andere Gemeinden.

Birgit Glaw
Birgit unterrichtet auch in einer taiwanesischen Schule

So ging es zum Beispiel mit Akin. Durch monatelange Begleitung von Birgit fand sie nach einem schweren Schicksalsschlag zurück zu einem persönlichen Glauben. Später wechselte sie in eine sehr traditionelle presbyterianische Gemeinde und hat dort nach dem Vorbild der OMF/ÜMG nun den allerersten Hauskreis gegründet. Das ist toll für die Gemeinde – auch wenn unsere Organisation nicht direkt den Nutzen davon hat. Letztlich möchten wir ja genau das: dass lokale Kirchen die Methoden unserer Teams übernehmen.

Begegnung im taiwanesischen Dorf
Wenn man eine Gemeinde gegründet hat, ist man fürs Theologiestudium besser gerüstet! Auch ein Konzept für Deutschland?

Hilfe bekommen die Mitarbeiter auch vom „Village Gospel Team“. Ich lerne dort Brenda und Kim kennen, die im Sommer Unterstützung leisten. Ein spannender Ansatz in dieser Region: Erst wird eine Gemeinde gegründet, theologisch bilden kann man sich später immer noch.

Mittwoch, 13. Juni 2012 – Was für eine Art von Gemeinde braucht Frau Hu?

Frau Hu ist Verkäuferin in einem großen Einkaufszentrum. Während der langen Arbeitsstunden im Kaufhaus wird von mehreren Seiten Druck auf sie ausgeübt. Frustrierte Kunden lassen ihren Frust an ihr aus, ihr Abteilungsleiter drängt sie, die Vorgaben zu erfüllen. Werden die Ertragsforderungen nicht erfüllt, droht schnelle Kündigung. Die Geschäfte haben sieben Tage in der Woche geöffnet, und Frau Hu bekommt nur vier freie Tage im Monat.

Taiwanesisches Team von Elisabeth Weinmann
Gemeinsam für Gott unterwegs

Elisabeths Team aus taiwanesischen Mitarbeitern und einem anderen Missionarsehepaar hat die Zentren der Innenstadt unter sich aufgeteilt. Warum baut Elisabeth Gemeinden und Hauskreise speziell unter diesen Verkäuferinnen auf? Weil das Programm traditioneller Gemeinden an deren Bedürfnissen vorbeigeht: Gottesdienste finden sonntags vormittags statt, wenn der Arbeitstag dieser Frauen beginnt. Zudem stehen in Predigten oft Lehre und Theorie im Mittelpunkt; die Frauen brauchen jedoch eine einfache, praktische Botschaft und Menschen, die sie ernst nehmen.

Mitte: Ein Pastor, den Elisabeth lange begleitet und „aufgebaut“ hat

Wie so ein alternativer Gottesdienst aussieht, sehe ich noch in derselben Nacht. Um 20 Uhr treffen sich die Mitarbeiter in einem Café zum Gebet. Als wir um halb zehn fertig sind, gehen wir in einen Gottesdienstraum im vierten Stockwerk, der der Gruppe zur Verfügung gestellt wurde. Stuhl um Stuhl wird von müden Verkäuferinnen besetzt, deren Läden gerade erst geschlossen haben. Spät in der Nacht kommen wir wieder nach Hause, und ich beginne zu verstehen, wie herausfordernd diese Arbeit ist. Die Arbeitszeiten sind extrem unregelmäßig, und man muss stets spontan auf Notfälle reagieren können.

Donnerstag, 14. Juni 2012 – Besuche, bis die Füße schmerzen

Letzten Montag ging ich mit Elisabeth Weinmann auf Tour durch ihre Einkaufszentren. Wir kommen durch High-End-Malls mit Outlets aller bekannten Schmuck- und Modemarken. Elisabeth besucht einzelne Frauen, um sie an den Hauskreis zu erinnern und sie zu ermutigen. Wir kämpfen uns kilometerweit durch die riesigen Konsumtempel. Enttäuschung, wenn die Frau, die wir suchten, gerade heute ihren freien Tag hat. Ab und zu halten wir an, um mit einem Becher Eistee die verlorene Körperflüssigkeit nachzufüllen.

Nach einer Weile tun mir die Füße weh. Elisabeth erklärt mir, wie wichtig es ist, einmal monatlich an allen Ständen vorbeizugehen. Nur durch regelmäßige Begegnungen wächst Vertrauen. Und nur dann lassen sich die Frauen irgendwann auch einladen. „Im Vergleich zu dieser riesigen Masse von Verkäuferinnen haben wir noch gar nichts erreicht“, wiegelt Elisabeth ab.

Ihre Leidenschaft für diese Menschen, die so oft übersehen werden, berührt mich. An einem Stand mit Markenmode treffen wir ein junges Mädchen aus China. Ihre Augen strahlen, als sie Elisabeth sieht. „Hast du keine Verwandten hier? Bist du nicht einsam?“, frage ich. „Ja, ich bin sehr einsam“, gibt sie zu. „Aber ich habe Elisabeth!“

„Bitte bete für mich, es kauft kaum jemand bei mir ein.“

Ein paar Stockwerke höher treffen wir eine junge Frau, die Cremes und Seifen verkauft. Sie bittet mich: „Ich möchte, dass der Ausländer für meine Arbeit betet. Niemand kauft meine Produkte, das macht mir große Sorgen.“ Ich weiß nicht so richtig, was ich beten soll, denn ich kann kaum nachvollziehen, wer diese überteuerten Produkte kaufen soll. Aber Gott kennt die Not dieser Frau. Also bete ich und überlasse es Ihm, wie Er das Problem lösen wird.

Nach mehreren Stunden machen wir uns mit schmerzenden Füßen auf den Heimweg. Eine Stunde kann ich mich ausruhen, dann geht es weiter zu meiner nächsten Begegnung…

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