(Kontext: Ein Rückblick auf eines der tiefgreifendsten kulturellen Missverständnisse und die Kraft des schlichten Vorlebens. Dieser Text erschien in Auszügen auch in der Zeitschrift „Ostasiens Millionen“ unter der Fragestellung: Verändert Mission Kultur?)
Winterstimmung bei tropischer Hitze?
Wir treten aus dem hellen Tageslicht in die Hütte. Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Auf dem Holzbett liegt die junge Mutter mit ihrem neugeborenen Säugling. Trotz der tropischen Hitze draußen ist sie in eine dicke Decke eingepackt, trägt Wollsocken und eine warme Mütze. Unter dem Bett schürt eine Frau glühende Kohlen.
Was für uns wie ein bizarres Experiment wirkt, ist in vielen Teilen Kambodschas Realität: Die Geburt des ersten Kindes ist mehr als ein freudiges Ereignis – sie ist eine Initiation, der Aufstieg zur „reifen Frau“ in den Augen der Gesellschaft. Und dieser Aufstieg ist an strenge, teils gefährliche Tabus gebunden.
Gefährliche Tabus
Während die glühenden Kohlen unter dem Bett (Roas Phlung) meist nur schmerzhaft und unbequem sind, werden andere Regeln lebensbedrohlich. Besonders kritisch sind die Ernährungstabus:
- Stillenden Müttern ist es in den ersten Monaten oft streng verboten, Obst oder Gemüse zu essen.
- Man fürchtet, dass dies den inneren „Energiehaushalt“ stört.
- Die Folge: Schwere Mangelerscheinungen bei Mutter und Kind treten oft schon nach kürzester Zeit auf.
Unser „stiller Protest“ im Alltag
Wir hielten uns nicht an diese Regeln. Nach der Geburt unserer Tochter Evelyn und zwei Jahre später bei Bianca aß Marlen genau das, was ihr gut tat – vor allem das vitaminreiche kambodschanische Obst und Gemüse. Wir wurden nicht krank, die Kinder gediehen prächtig.
Unsere Haushilfe beobachtete diese „unbekümmerte Missachtung“ über lange Zeit schweigend. Eines Tages vertraute sie sich Marlen an:
„Ich sehe, dass du dich nicht an unsere Tabus hältst. Deine Kinder sind gesund und du auch. Ich glaube, wir sollten auch damit aufhören. Dir schadet es nicht.“
Gelebte Inkarnation: Gott wurde beobachtbar
Dieses Prinzip des „Beobachtens und Teilens“ ist im Kern zutiefst biblisch. Wir nennen es Inkarnation. Gott blieb nicht im fernen Himmel und schickte uns nur ein Regelwerk oder ein Buch. Er wurde in Jesus Christus selbst Mensch. Er teilte unseren Alltag, unser Essen, unseren Staub und unsere Sorgen. Er wurde für uns Menschen „beobachtbar“.
In der Mission bedeutet Inkarnation für uns: Wir sind nicht die Experten mit den fertigen Antworten, die von oben herab belehren. Wir sind Lernende, die ihr Leben radikal mit den Menschen teilen. Nur wenn unser Glaube in den banalsten Momenten – beim Obstessen oder bei der Kindererziehung – Substanz hat, wird er für unser Gegenüber relevant. Unsere Haushilfe sah nicht nur, dass Marlen gesund blieb; sie sah die Freiheit, die wir in Christus haben – eine Freiheit von der lähmenden Angst vor alten Geistern und Tabus.
Fazit
Es gibt Gewohnheiten, die sitzen so tief, dass Worte allein sie nicht verändern können. Die Menschen müssen unseren Alltag sehen. Das braucht Zeit. Aber genau so ändern sich Dinge – im natürlichen wie im geistlichen Bereich.
