Asiatische Krankenbesuche: Wenn Privatsphäre auf Gemeinschaft trifft

(Kontext: In der westlichen Welt ziehen wir uns zurück, wenn wir krank sind. In Kambodscha ist das Gegenteil der Fall. Mein Kollege Daniel war krank und konnte nicht am Treffen aller Gemeinden im Snoul-Distrikt teilnehmen. Daraus entwickelte sich ein tiefes Gespräch über den Wert von Besuchen.)

„Ich brauche meine Ruhe!“

Als die Geschwister mich fragten, ob man Daniel besuchen könne, gab ich eine typisch westliche Antwort: „Natürlich, aber bitte nicht zu lange, es geht ihm wirklich nicht gut.“

Die Leute hatten mit dieser Reaktion schon gerechnet. Einer der Leiter erzählte mir daraufhin von einem Erlebnis mit einem amerikanischen Missionar. Als dieser krank war, kam – wie in Asien üblich – ein Khmer-Pastor vorbei, um ihn zu besuchen, zu ermutigen und mit ihm zu beten. Kaum war der Besucher da, wetterte der kranke Missionar los (zumindest klang es für den Kambodschaner so): „Ich bin krank, kann man mich nicht mal in Ruhe lassen? Ich brauche keine Leute, die ständig in meinem Haus ein- und ausgehen!“

„Wir lassen unsere Geschwister nicht allein“

„Wir sind nicht so“, erklärten mir die Leute in Snoul. „Wir wollen doch wissen, wie es unseren Freunden geht! Darum gehen wir gemeinsam zu Besuch und schauen persönlich, was los ist. Wir überlegen miteinander, was das für eine Krankheit sein könnte und welche Kräuter oder Wurzeln ihm gut tun würden. Dann beten wir gemeinsam und gehen wieder nach Hause. Aber wir können unsere Geschwister in so einer Situation nicht alleine lassen!“

Was für eine tolle Einstellung! Statt „Privatsphäre“ (was für Kambodschaner Einsamkeit bedeutet) gibt es hier echte Gemeinschaft. Man verlässt sich nicht nur auf den Doktor, sondern besinnt sich auf das, was einem selbst schon geholfen hat. Man wartet nicht, bis der Kranke „die Ältesten ruft“, sondern man bietet das Gebet aktiv an – oft ist es das Erste, was getan wird.

Ein Schock, der zur Ermutigung wurde

Ich erinnerte mich an meine eigene erste Erfahrung mit dieser Art der Fürsorge. Ich hatte Fieber und konnte nicht in den Gottesdienst gehen. Die Gemeinde fragte nach mir und betete sofort für mich. Im Anschluss machte sich fast die ganze Gemeinde auf den Weg zu mir nach Hause.

Plötzlich saßen über zehn Personen bei mir im Wohnzimmer auf dem Boden und beteten für meine Genesung. Am Anfang war das ein echter „Schock“. Aber später dachte ich: Was für ein tolles Zeichen von Liebe und Freundschaft! Ich gehöre zu diesem Kreis von Brüdern und Schwestern dazu. Sie sorgen sich um mich, obwohl ich ein Ausländer bin. Das hat mich unheimlich ermutigt. Solche Krankenbesuche wünsche ich mir auch für die Zukunft!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen