(Kontext: In Kambodscha begegnen uns immer wieder Schicksale, die uns kulturell und emotional an unsere Grenzen bringen. Dieser Besuch bei einer jungen Frau in der Nachbarschaft war ein solcher Moment, der zeigt, wie unkompliziert und doch herzzerreißend das Leben hier sein kann.)
Die Suche nach der Mutter
Als ich die Holztreppe hochgestiegen war und in den großen Raum trat, sah ich das Baby in einer Wippe direkt vor dem Fernseher liegen. Ein winziges Kind, erst zehn Tage alt. Ich sah mich um, wer wohl die Mutter sei. In Kambodscha erkennt man Wöchnerinnen sofort: Sie tragen traditionell drei Monate lang eine warme Wollmütze und dicke Kleidung, um sich von der anstrengenden Geburt zu erholen.
Statt einer vermummten Frau sah ich jedoch eine junge Dame in Jeans und schicker Bluse. War sie die Mutter? Kaum möglich, wenn man die Traditionen kennt. Und doch war sie es – und gleichzeitig wieder nicht.
Direkt von der Mutterbrust weggeholt
„Ich habe eine schwangere Frau gebeten, mir ihr Kind zu überlassen, wenn es geboren ist“, erzählte sie mir offen. „Ich kann nämlich selbst keine Kinder bekommen. Als die Frau das Kind zur Welt gebracht hatte, rief sie mich sofort. Da habe ich es direkt von der Mutterbrust weggeholt und zu mir genommen.“
Auf meine Frage, wie teuer so eine „Adoption“ sei, antwortete sie schlicht: „Sie hat 50 Dollar für das Kind genommen.“
Die Angst vor der Reue
Die leibliche Mutter wohnt in der direkten Nachbarschaft. Ich fragte die junge Frau, ob sie keine Angst habe, dass die Mutter den Schritt eines Tages bereut und das Kind zurückfordert. „Ja, davor habe ich schon Angst“, gab sie zu. „Aber wenn das passiert, müssen wir eben sehen, was wir machen.“
Das ist Adoption auf Khmer-Art. Unkompliziert, billig – aber immer wieder absolut herzzerreißend.
